DEGAS und die Tänzerin

Man weiß nicht, zu welchem Zeitpunkt Degas begonnen hat, menschliche Körper zu modellieren, noch ob seine Vierzehnjährige Tänzerin wirklich sein erster Versuch auf diesem Gebiet war; jedenfalls ist sie die erste Figur, deren Entstehungsdatum bekannt ist. Und da sie eine ziemlich einfache Pose zeigt im Vergleich zu denjenigen, die Degas später festhalten sollte, kann man hier, wie bei seinen Pferden, annehmen, daß er mit relativ einfachen Problemen begann, um vorwärtszuschreiten und eigentliche Kraftproben des Gleichgewichts zu realisieren.

Es muß um 1879 gewesen sein, daß Degas zum ersten mal dieses Mädchen der Anfängerinnenklasse der Opera mit dem noch schmächtigen und steifen Körper Modell stehen ließ. Er machte von ihr wahrscheinlich zuerst Zeichnungen im Gazeröckchen oder unbekleidet, offensichtlich angezogen von den eckigen Formen der langen Beine und der auf der flachen Brust gekreuzten Arme. Dachte er schon an eine Statuette? Wollte er verschiedene Stellungen erproben? Wir wissen es nicht; aber sobald er gefunden hatte, was er suchte, diese aufrechte Stellung des Mädchens, ein Fuß vor dem anderen, die Hände auf dem Rücken verschränkt und den Kopf erhoben, mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Abgestumpftheit und Dreistigkeit zugleich, machte er eine Reihe von Studien als Vorbereitung zur Ausführung seiner Statuette oder vielmehr seiner Statuetten; denn Degas wollte zuerst eine Wachsplastik der kleinen, unbekleideten Tänzerin machen, bevor er das Werk, das er im Sinn hatte, beginnen konnte. Die Skizzen zeigen sein junges Modell nackt und bekleidet, und sind das einzige Beispiel dafür, daß Degas für eine seiner Plastiken tatsächlich Zeichnungen machte. In Wahrheit handelte es sich hier um ein besonders wichtiges Werk, nicht nur wegen des Formats, drei viertel Naturgröße, sondern auch wegen der Neuerungen, die Degas beschäftigen, und weil er die Absicht hatte, diese Plastik auszustellen und sich damit dem Publikum zum erstenmal als Bildhauer zu präsentieren.

Die von Degas geplanten Neuerungen waren ziemlich überraschender Natur: er würde seine Statuette mit einem wirklichen Mieder, einem Gazeröckchen und Ballettschuhen bekleiden, die von Wachs bedeckten natürlichen Haare würden im Nacken von einem Seidenband umwunden, und außerdem würde er das Wachs kolorieren, um ihm einen echten Ausdruck zu verleihen. Dieser Realismus bedingte natürlich einer sehr sorgfältigen Vorbereitung; denn die geringste Übertreibung hätte diesen Versuch, Materialien zu vereinigen, die normalerweise nicht dazu bestimmt waren, verbunden, und noch weniger, einer Statuette einverleibt zu werden, grotesk erscheinen lassen. Degas wollte ja eine Statuette schaffen und nicht eine Puppe.

Nachdem er zuerst den nackten Körper des Mädchens modelliert hatte, um sich mit den Formen vertraut zu machen und wohl auch, um sein Kostüm besser vorbereiten zu können, wandte sich Degas dem definitiven Werk zu. Er mußte wahrscheinlich die kleinen Schuhe und das Mieder besonders bestellen; das letztere sollte während der Arbeit mit einer dünnen Wachsschicht überzogen werden, die es noch mehr mit dem übrigen Werk verbinden und ihm doch eine besondere Struktur bewahren würde. Die Details, die der Künstler in der Aktstattuette nur angedeutet hatte, sind in der bekleideten Statuette aufs genaueste ausgearbeitet, bis zu den unterhalb der Knie angedeuteten Falten der Stümpfe. Die mehr oder weniger grobe Ausführung der Vorstudie wird durch eine glatte Faktur ersetzt, wie Degas sie vorher noch nie angewandt hatte. Die Gesichtszüge, die zuerst nur summarisch modelliert waren, werden mit äußerster Sorgfalt ausgeführt. Renoir berichtet, bei dieser Tänzerin aus Wachs "einen Mund, nur eine Andeutung- aber von welchem zeichnerischen Ausdruck!" gesehen zu haben. Er fügt mit Bedauern hinzu, daß Degas, da er immer wieder sagen hörte, er hätte den Mund vergessen, seinem Freund Bartholome nachgegeben und den Mund neu gemacht hätte. Es ist möglich, daß Renoir einfach die beiden Statuetten verwechselt hat; den die der nackten Tänzerin zeigt tatsächlich einen mit großer Deutlichkeit in das Wachs gravierten und viel "gezeichneteren" Mund als die bekleidete Tänzerin. Nach einem Wort von Degas selbst war ihm ein einziger Zug in einem Gesicht wichtig, das war die Nase, und die dieses Mädchens zeichnet sich durch eine Impertinenz aus, die bei der bekleideten Statuette durch die Augen und den Mund noch verstärkt wird, während der etwas brutale Mund der nackten Statuette ihren Ausdruck etwas abschwächt. Es ist übrigens erlaubt, daran zu zweifeln, daß Bartholome auf die stilistischen Recherchen seines Freundes den geringsten Einfluß gehabt hätte; es trifft aber zu, daß er Degas in den technischen Einzelheiten der Ausführung behilflich war und daß er es war, der am Vorabend der Ausstellung die widerspenstigen Drahtenden des Gerüsts entfernte, die da und dort aus dem Körper der kleinen Tänzerin hervorstachen.

Degas hatte seine Statuette für die Ausstellung der Impressionisten von 1880 angemeldet und hatte sie im Katalog eintragen lassen. Diese Ausstellung wurde am 1. April eröffnet; aber, wenn man ihm glauben darf, hat Degas sie schließlich nicht eingesandt, da er sie nicht zur Zeit fertigstellen konnte. Seine Sendung war übrigens so groß- Degas zeigte ungefähr zehn wichtige Gemälde und Zeichnungen-, daß es nicht ausgeschlossen ist, daß der Künstler es vorzog, seine Statuette zurückzubehalten, um sie später günstiger zeigen zu können. Tatsächlich zeigte er, als er sie im darauffolgenden Jahr zur Ausstellung der Impressionisten sandte, gleichzeitig nur wenige Gemälde, räumte er ihr dadurch einen hervorragenden Platz in seiner Beteiligung an dieser künstlerischen Manifestation ein. Während sie so ein ganzes Jahr lang in Degas' Atelier wartete, hatte die Tänzerin nicht verfehlt, von Freunden und seltenen Besuchern des Malers bemerkt zu werden, und allerlei Gerüchte darüber waren in den Künstlerkreisen von Paris laut geworden. Auf diese Weise wurde ihr für die Ausstellung vom Jahre 1881 ein Erfolg der Neugierde vorbereitet.

Es war unvermeindlich, daß diese Statuette zum Mittelpunkt lebhafter Diskussionen wurde. Die Betroffenheit vor diesem Werk wurde hauptsächlich durch ihr stoffliches Zubehör und besonders durch die echten Haare ausgelöst. Degas' Neuerungen frappierten die Besucher mehr als das Werk selbst. Immerhin konnten sogar die, welche das Werk ablehnten, der vollendeten Leistung ihren Respekt nicht versagen. "Das Resultat ist fast erschrekend.." schrieb Paul Mantz in Le Temps . " Das unglückliche Kind steht aufrecht, bekleidet von einem billigen Gazeröckchen, ein blaues Band um die Taille, die Füße in Schühchen....Erschrekend, weil sie ohne Gedanken ist; sie streckt mit tierischer Dreistigkeit ihr Gesicht oder eher ihre kleine Schnauze nach vorn... In dieser unangenehmen Figurine gibt es, mit einer von einem Philosophen a la Baudelaire diktierten Absicht, etwas, das von einem beobachtenden und loyalen Künstler herkommt. Es ist die perfekte Wahrheit der Pantomime, die Richtigkeit der fast mechanischen Bewegung, die künstliche Grazie der Attitude, die scheue Unbeholfenheit der Schülerin... Was den Ausdruck des Gesichts anbelangt, so ist er offensichtlich gesucht. Monsieur Degas hat ein Ideal von Häßlichkeit geträumt. Glücklicher Mensch! Er hat es realisiert... Wenn er fortfährt zu modellieren und wenn er seinen Stil beibehält, wird er seinen kleinen Platz in der Geschichte der grausamen Künste erhalten."

Der vorsichtigen Zurückhaltung, die dieser Kritiker bezeugt, steht der warme Enthusiasmus gegenüber, mit dem J.-K. Huysmans die Statuette von Degas empfing; er schrieb in seiner Kritik: Das Aufsehenerregendste seiner Ausstellungsbeitrages liegt dieses Jahr nicht in seinem gemalten oder gezeichneten Werk.. Es liegt ganz in einer Figur aus Wachs...vor der das entsetzte oder benommene Publikum die Flucht ergreift. Die schreckliche Wirklichkeit dieser Statuette verursacht ihm ein offensichtliches Unbehagen; alle Ideen des Publikums über die Bildhauerei, über diese kalten, leblosen, weißen Erscheinungen, über diese denkwürdigen, seit Jahrhunderten wiederholten schablonenmäßigen Werke werden umgestürzt. Tatsache ist, daß Monsieur Degas die Traditionen der Bildhauerkunst umgestoßen hat, genau wie er seit langem an den Konventionen der Malerei rüttelt. Indem er die Methode der alten spanischen Meister wieder aufnimmt, macht Monsieur Degas sie durch die Originalität seines Talents unmittelbar zu etwas ganz Besonderem, ganz Modernem. Gleich wie gewissen geschminkte und bekleidete Madonnen, gleich wie jener Christus in der Kathedrale von Burgos, dessen Haare wirkliche Haare, dessen Dornen wirkliche Dornen sind und dessen Bekleidung aus wirklichem Stoff besteht, trägt die Tänzerin von Degas ein wirkliches Röckchen, wirkliche Bänder, ein wirkliches Mieder, wirkliche Haare.

Den Kopf bemalt, ein wenig zurückgeworfen, das Kinn erhoben, den Mund halb offen in dem kränklichen und unfrischen Gesicht, das müde und von der Zeit gealtert aussieht; die Hände auf dem Rücken verschlungen, die flache Brust von einem weißen Mieder bedeckt, dessen Stoff mit Wachs überzogen ist; die Beine bereit zum Kampf, wunderbare , vom Training geformte, nervöse und gespannte Beine, die von den Röcken wie von einem Pavillon überdacht sind; der Hals steif, von einem lauchgrünen Band umzirkelt; die Haare, richtiges Roßhaar, auf die Schultern fallend und dem Knoten, der mit einem Band gleich dem am Hals geschmückt ist, zusammengefaßt- so steht diese Tänzerin da, die unter dem Blick lebendig wird und bereit scheint, ihren Sockel zu verlassen.

Gleichzeitig raffiniert und barbarisch in ihrem geschickten Kostüm, mit ihrem kolorierten Fleisch, das lebt und von der Arbeit der Muskeln durchfurcht wird, ist diese Statuette der einzige wirklich moderne Versuch, den ich in der Bildhauerkunst kenne."

Diesen Versuch wird Degas nicht wiederholen und verzeichnet damit auf "seinen kleinen Platz in der Geschichte der grausamen Künste", den ihm der Kritiker der Temps prophezeit hatte. Er wird von da an keine Skulpturen mehr ausstellen noch ausführen, die mit wirklichen Kleidern angetan sind, obgleich George Moore in seinen Erinnerungen mitteilt, er hätte in Degas' Atelier "zahlreiche zerfallende Figürchen gesehen, kleine Tänzerinnen aus rotem Wachs, wovon einige mit Tüllröckchen bekleidet waren"- eigenartige Puppen- Puppen, wenn Sie wollen, von einem Genie modelliert." Da Degas seinen Versuch zweifellos mehr als ein Experiment denn als eine auszubauende Möglichkeit betrachtete, mußte er sich in Zukunft anderen Problemen zuwenden. Wenn er noch weitere Statuetten von Tänzerinnen im Röckchen ausführte- er machte wenigstens noch eine, die erhalten geblieben ist- wird er ihr Kostüm aus Wachs modellieren, wie den Rest der Figur. Es ist nicht ohne Interesse, beizufügen, daß die Vierzehnjährige Tänzerin, die von Huysmans als " der einzige wirklich moderne Versuch in der Bildhauerkunst" gepriesen worden war, nicht nur unter den Skulpturen von Degas einmalig bleiben sollte, sondern auch sonst nirgends Nachfolge fand. In der Geschichte der modernen Bildhauerkunst nimmt sie einen Platz für sich ein: Zeugnis einer leuchtenden Kühnheit und eines schöpferischen Geistes, die allen "Gesetzen des Handwerks" zu trotzen und die einander widersprechensten Bestandteile in ihrem Dienst zu stellen wissen, indem der Meister sie seinem erhabenen Wollen unterwirft.

In jüngster Zeit hat Sacha Guitry über dieses Werk geschrieben:"Ja, diese kleine Tänzerin in natürlicher Größe ist der Kunstgegenstand, den ich lieber als jeden anderen besäße.... Sie ist das Bildnis der Armut, der Degeneriertheit und der Unterwerfung. Sie ist einer der Gipfel der Kunst und der Plastik, aber auch der Malerei und des Zeichnens. Und dann ist da noch etwas, für das es keinen Namen gibt. Sie ist wie die Erscheinung einer Mumie, und doch ist sie das Leben selbst. Eine einzigartige Sache. So weit entfernt von allem Gewohnten, daß man diesem Beispiel niemals folgen konnte. Es ist etwas Endgültiges. Ein Entwurf und zugleich der Endpunkt. Es ist die absolute Vollkommenheit! Man müßte sehr, sehr weit zurückgehen, bis nach Ägypten, und sehr hoch greifen, um einen ebenso formvollendeten Kunstwerk zu begegnen. Und es ist doch nur eine kleine Tänzerin von der Oper; aber sie ist es für immer. Degas hat in dieses Werk die Arbeit eines ganzen Lebens hineingelegt. Er hat von ihr zwanzig Gemälde gemacht, hundert Pastelle und tausend Zeichnungen. Vielleicht hat er von ihr fünfhunderttausend Skizzen entworfen. Und alle diese Skizzen, Zeichnungen, Pastelle und Gemälde dienten dazu, an dieses Ziel zu gelangen. Sie ist die Zusammenfassung von ihnen allen- Synthese und die Krönung. Denn um sie auf diese Art verewigen zu können, unbeweglich- wie viele Male mußte er sie schaffen, wie sie geht, kommt, tanzt, sich abtrocknet, sich kämmt, sich ankleidet! Er mußte ihre kleinsten Bewegungen kennen, damit sogar ihre Unbeweglichkeit eine Pose sei- mit der ganzen Präzision einer Bewdegung".